Chantal Michel, geb. 1968, präsentiert sich seit 1997 mit Performances und Videoarbeiten, seit 1998 auch mit Fotografien.Das Thema ihrer Bilder in dieser Ausstellung sind "normale" Familienporträts, die sie technisch traditionell und einfach abbilden wollte. Die Idee erschien ihr als realistische Möglichkeit, in der kurzen Zeit, die sie im Land weilte (sie war zudem das erste Mal in Ägypten), den direkten Kontakt zu den Menschen, zum Fremden, aufbauen, und eine gewisse Nähe, trotz der nicht möglichen verbalen Kommunikation, herstellen zu können. Sie, der das Arbeiten im öffentlichen Raum schwer fällt, die sonst viel Zeit braucht, sich in den von ihr zur Inszenierung gedachten Raum einzufinden, seine Atmosphäre zu erspüren, realisierte ihre Idee durch die Inszenierung der Ägyptischen Familie, durch Familienaufstellungen quer durch die sozialen Schichten. Tat- oder Handlungsort ist das heimische ägyptische Wohnzimmer. Sie folgte damit ihrer Vorstellung von Kairo: "Kairo ist farbig, märchenhaft, fast etwas kitschig". Die Idee und der Ort müssen für Chantal Michel immer zusammen- passen und sie möchte handelnd immer Teil dieses Ortes sein.
 
Zum ersten Mal arbeitete Chantal Michel mit Personen im Bild und ging damit über die reine Selbstdarstellung hinaus. Die Palette der porträtierten Familien reicht von der gutsituierten Kleinfamilie bis hin zur Familie des Hauswärters, der mit Frau und Kindern und weiteren Familienangehörigen wahrscheinlich in einem einzigen Raum haust – und schmuggelt sich selbst als bizarren Fremdkörper in den intimen Raum der ausgewählten Familien. Dass sie in der, vom gesellschaftlichen Status her gesehen, einfachsten der Familien im gelben Minikleid auf dem Herd steht, sich der Blick eines der männlichen Familienmitglieder fast auf derselben Höhe wie ihre "nackten" Beine bewegen kann – mir schwirrt als hier lebender Europäerin der Kopf...
 
Ohne Tabus stellt, setzt oder legt, platziert sie sich in die Familienauf stellungen. Dabei ist die Darstellung an sich nicht "obszön", es ist nur das Wissen um einen Verhaltenskodex, um die zunehmend demonstrierte "Islamisierung" im Land, es sind die zahlreichen negativen Erfahrungen mit der ägyptischen Männerwelt im Alltag, die "Zügel" anlegen möchten.
 
Es scheint alles richtig und passend: die Posen der Familien, deren Freude, sich darzustellen, ihre Offenheit, sich auf das Experiment einzulassen, die Ausstattung der Räume (mit dem dann tatsächlich vorgefundenen "Kitsch") und fast überall, fast unscheinbar, aber selbstverständlich wie ein weiteres Familienmitglied, der Fernsehapparat. Ja, das hat man alles schon so gesehen, ja, diese Aufstellungen treffen das, was man ägyptischen Familien von außen ansehen kann, genau. Es scheint alles nüchtern, objektiv zu sein, nichts hinzugefügt, nichts beschönigt, nichts dramatisiert.
 
Sie exponiert die ägyptische Familie: sie scheint alltäglich, traditionell, ungeschminkt, ungefiltert, nah abgelichtet, kompakt auf den Punkt gebracht. Das genaue Betrachten der Familienporträts enthüllt Merkmale einer ganzen Gesellschaftsstruktur, sie "entblößen" sogar. Aber die Fotos stellen die Familien nicht bloß, sondern es entsteht Sympathie für die abgelichtete Situation und die enthaltenen absurden und skurrilen Überraschungsmomente, für die Präzision und Nüchternheit ihres Blickes und die technische Perfektion.
 
Für Chantal Michel war diese Arbeit, nicht zuletzt durch die bereitwillige Mitwirkung der Familien, ein Experiment, das für sie erfolgreich ausging. Auch wenn die Mit-Akteure Chantal Michels Intention und Handlungen nicht durchweg verstehen konnten, "haben sie das Spiel mitgespielt. Und es war ein schönes und menschliches Spiel."
 
Chantal Michel lebt in Thun und arbeitet in Thun und Bern. Sie erhielt für ihre Arbeiten zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Einzel- und Gruppenaus- stellungen in ihrem Heimatland und im europäischen Ausland (u.a. Biennale Venedig 2001).
 
(Text: Ingrid Handwerker, PAPYRUS 3-4/2002 (Kairo, Ägypten))